Improvisation – Der Augenblick im Gottesdienst

Tage gelebter Liturgie vom 29.09.-03.10.2017
auf Burg Rothenfels

 

Aus der Liturgiegeschichte ist die Improvisation nicht wegzudenken. In der Alten Kirche dominierte sie weite Teile des Gottesdienstes, bevor man überhaupt auf die Idee kam, Vorschriften zu machen. Die Orgelvorspiele und Choralbegleitungen der Barockzeit konnten aus dem Augenblick heraus die Atmosphäre verdichten und die Worte verstärken – als Partner der gottesdienstlichen Verkündigung. Im 20. Jahrhundert waren es die aus den USA stammenden Jazz- und Gospelgottesdienste, die eine neue liturgische Improvisationskultur aufblühen ließen. Wo auch immer Liturgie gefeiert wird, deren Gesamtklang von allen getragen wird, da ist sensible Fähigkeit zur Improvisation gefragt.

In der Musik ist Improvisation die andere, partnerschaftliche Seite der Komposition: kreative Grundbedingung für das Sammeln von Kompositionsideen und zugleich entscheidend in der Interpretation einer fertigen Komposition.

Wer improvisiert, erzählt aus der Erinnerung heraus in seiner eigenen Sprache. Improvisation ist deshalb immer auch eine persönliche Transzendenzerfahrung, eine Überschreitung des schon verstanden geglaubten Alltäglichen, wenn es neu erzählt wird für andere. Improvisation führt ins Jetzt und in die Gemeinschaft. Improvisation ist immer ein Teilen und Mit-teilen. Improvisation kann zu spontanen Emmaus-Momenten führen, wenn wir uns durch das gemeinsame Feiern erinnern und einander mit Worten und Musik erzählen, was unser Glaube ist – und unser Zweifel. Improvisation führt schließlich immer auch in die Stille, in ein verstehendes Hören hinein. Wenn das gelingt, kann Gottes Gegenwart erlebbar werden.

Das Stundengebet ruht auf einer „komponierten“ und vorgegebenen Ordnung. Dennoch zählt auch hier der Augenblick: Die aktuell versammelte Gemeinschaft ist Maßstab und Ziel. Das betrifft den Stil der liturgischen Leitung und Präsenz, die Begleitung des Gesangs, die Abstimmung der Tonhöhe und des Tempos an Gemeinde und Raum, die Moderation der Stille, die Kontaktaufnahme der Vorleserin mit den Zuhörenden, auch die solistische Darbietung von Musik … Jede Aufführung ist die Neuschöpfung eines Werkes, und jeder Gottesdienst ist eine Performance der aktuellen Versammlung – auch, wenn er Vorlagen folgt.

Viele Fragen kommen auf: Wie können feste Ordnungen die flüchtigen Räume der Gegenwart öffnen? Wie lässt sich Improvisation als Partnerin des Komponierten integrieren? Müssen wir in beschleunigten Zeiten mehr improvisieren? Oder brauchen wir gerade das Erprobte und Tradierte als Ruhepol? Können wir das Jetzt und die Jahrtausende versöhnen? Wie schulen wir unseren Sensus für den Augenblick?

 

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